#nur30min S01E08 Wie schütze ich meine Kinder vor Internetpornografie

Das Thema Pornografie ist u.a. so schwierig zu bearbeiten, weil Pornografie in unserer Gesellschaft mit einem Tabu behaftet ist. Das liegt u.a. daran, dass Pornografie in engem Zusammenhang mit Selbstbefriedigung steht und die führt bei aller Aufgeklärtheit zu anderen Sexthemen in den Medien immer noch ein Schattendasein. Das als Anmerkung vorweg. Wer mehr darüber und über die Geschichte von Pornografie hören möchte, dem sei die Folge „Pornografie“ im Medially-Podcast empfohlen.

Wir gehen im Podcast auf drei Altersstufen ein.

Zum einen beleuchten wir die Zeit vor der Pubertät, dann die Pubertät bis zum 18. Lebensjahr und dann die Zeit danach. In der Pornografie überhaupt erst erlaubt ist:

Denn grundsätzlich ist es verboten, Jugendlichen unter 18 Jahren pornografisches Material zugänglich zu machen. D.h. auch dass die Verbreitung von Pornografie über das Internet verboten ist, solange der Anbieter nicht sicherstellt, dass das Material ausschließlich Erwachsenen zugänglich gemacht wird. Eine Altersprüfung ist vorgeschrieben. Wie ihr sicherlich schon gemerkt habt, halten sich die meisten Anbieter nicht daran, oder man klickt einfach ohne weitere Prüfung „Ja, ich bin 18 Jahre alt” an.

Theoretisch dürften unter 18-Jährige also keine pornografischen Inhalte sehen. Doch aktuellen Studien zufolge hat fast die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen bereits Pornografie gesehen; bei den 14- und 15-Jährigen ist es auch schon ein Drittel. Dabei kommt rund die Hälfte dieser Kontakte mit Pornografie ungewollt bzw. versehentlich zustande.

Damit wir wissen, worüber wir sprechen, schauen wir uns die Definition von Pornografie laut Bundesgerichtshof an:

„Als pornografisch ist eine Darstellung anzusehen, wenn sie unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rückt und ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse des Betrachters an sexuellen Dingen abzielt“.

Nimmt man diese Definition und führt sich vor Augen, dass Jugendliche relativ früh und dann auch ungewollt mit Pornografie in Verbindung kommen, ist vielleicht verständlich dass Eltern sich an dieser Stelle sorgen.

Es ist deswegen wichtig zu wissen:

  • Studien zeigen, dass je aufgeklärter Kinder und Jugendliche sind, desto weniger interessieren sie sich für Pornos.
  • Es gibt sogar Studien die zeigen, je aufgeklärter Jugendliche sind, desto später haben sie Sex.

Die meisten Kinder sind bis zur Pubertät Kinder streng genommen gar nicht an Pornos interessiert – und danach versuchen sie in Pornos unter anderem Antworten auf ihre Fragen über Sexualität zu finden.

Daraus lässt sich ableiten, dass eine gute sexuelle Aufklärung dabei hilft, dass Kinder nicht schon in einem Alter, in dem ihnen der gesamte Kontext in Sachen Sex fehlt, auf pornografische Inhalte stoßen, die sie ggf. verstören.

Kinder frühzeitig aufklären

Der ultimativen Elternhack lautet deswegen: Kauft zahlreiche altersgemäße Aufklärungsbücher und stellt sie in euer Bücherregal. Macht den Kindern Gesprächsangebote, aber lasst sie ihre Fragen auch selbst erkunden. Unsere Empfehlungen lauten:

Unterstützt dabei die schulische Sexualaufklärung, die v.a. erläutert wie man sich fortpflanzt (bzw. wie man diese Fortpflanzung verhindert). Wichtig wäre das Spektrum zu weiten und darauf zu kommen, dass Sex nicht mit heteronormativen Penetrationssex gleichzusetzen ist.

Einen sehr gelungenen Einstieg bietet das Buch „Wie sag ich’s meinem Kind?” von Katja Grach, das es als kostenlosen Download auf ihrer Website tiefdurchatmen.com gibt. Katja Grach schreibt da: „Erwachsene vergessen auch leicht und gerne bei ihrer Erklärungsnot, dass Sex generell viel viel mehr als ein Penis in einer Vagina ist“ und „Wenn es um die Zeugung von Babys geht, erweist sich das zwar als recht praktisch, muss aber erstens nicht Teil von vorpubertären Aufklärungsgesprächen sein, und zweitens ist es nicht besonders hilfreich, wenn es das einzige Bild ist, das über Sexualität vermittelt wird. Googeln unsere Kiddies Sex, werden sie aber genau das finden: Genitalien, die aufeinander klatschen. Küssen ist nicht. Kuscheln ist nicht. Das kommt maximal in Hollywood-Liebesschnulzen vor, die ebenfalls fern von jeglicher Realität existieren. Aber genau DAS was hier fehlt, wäre eigentlich auch mal ganz wichtiger Gesprächsstoff.“

Ungewollt ist der Kontakt zu Pornografie allerdings auch auf anderem Weg: Ein Klassiker betrifft v.a. Jungs im Grundschulalter, die als eine Art Mutprobe oder Einschüchterungsversuch von älteren Jungs einfach Ausschnitte von Gewaltpornos auf dem Handy vor die Nase gehalten bekommen. Das ist in dem Alter doppelt problematisch und verstörend für die Betroffenen, weil Kinder, die noch nicht in der Pubertät sind, noch gar nicht  an Sexualität interessiert sind, und zum anderen natürlich aufgrund der Gewaltdarstellungen. Es fällt Kindern und Jugendlichen aber schwer, einem entsprechenden Gruppendruck standzuhalten und zu sagen: „Das möchte ich nicht sehen” und wegzugehen.

Kinder im Nein-Sagen bestärken

Weil wir das als Eltern nicht verhindern können, ist hier der Hebel Kinder im Nein-Sagen zu bestärken. Auf den Seiten des unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs sind wichtige Faktoren genannt, die Kinder vor sexuellen Missbrauch schützen, unter anderem: „Damit Kinder und Jugendliche ihr Unbehagen und ihre Abwehr bei sexuellem Missbrauch oder sexuellen Übergriffen ausdrücken können, sollten sie in ihrer Familie wie von betreuenden Fachkräften gelernt haben, dass Erwachsene nicht immer im Recht sind. Die Erfahrung, dass ihr Widerspruch, ihr Nein, nicht einfach übergangen wird und ihre Mitsprache Bedeutung hat, ist sehr wichtig.“ 

Kinder im Nein bestärken ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben in der Erziehung. Denn der Alltag stellt und ja ständig auf die Probe.

Mit technischen Filtern Pornoseiten sperren

Wie sieht der Schutz aber bei jungen Kindern aus?

Wir empfehlen Kinder unter 8 nichts unbegleitet im Internet machen zu lassen (Ausnahme, ihr kennt die Inhalte schon und sie sind abgrenzbar, vgl. Folge 2 Darf ich YouTube?). 

Geht es nicht anders, halten wir es hier ausnahmsweise für vertretbar technische Filter zu aktivieren. Bei vielen Routern wie der FRITZ-Box geht das sogar recht einfach, indem für die Endgeräte, die die Kinder nutzen, ein Nutzerprofil erstellt und das BPjM-Modul aktiviert wird.

Das ist eine Liste jugendgefährdender Domains der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die ständig aktualisiert wird. Natürlich kann man beliebige Domains auch per Hand auf eine Blacklist setzen. Konsequenterweise muss dann aber auch das Smartphone entsprechend konfiguriert werden, denn das kann ja unabhängig vom WLAN aufs Internet zugreifen. Als nächstes müsste man Gastzugänge für fremde Geräte im Router einrichten und diese entsprechend filtern. Sonst können Kinder mithilfe der Endgeräte von Freund*innen auf die Seiten kommen, die sie nicht sehen sollen. Konsequenterweise müsstet ihr dann alle Eltern im Freundeskreis der Kinder überreden, das gleiche zu tun … Es zeigt sich auch hier, ganz so einfach lässt sich das Thema dann nicht mal bei den Kleinen mit Hilfe von Filtern lösen.

Am Ende Kinder vorbereiten, aufklären und begleiten

Deswegen bleiben wir bei begleiten und aufklären. 

Vor allem sollte man Kinder schlichtweg darauf vorbereiten, dass es Inhalte im Internet gibt, die verstörend wirken können. Ob nun in Form von Gewaltdarstellungen oder Pornografie. Es ist ein großer Unterschied, ob Kinder sich gezeichnete Aufklärungsbücher anschauen und eine bestimmte Fantasie zum Wort „Penis” haben oder ob sie explizite Darstellungen im Netz sehen. Macht den Kindern keine Panik, aber bereitet sie darauf vor, dass es verstörende und inadäquate Inhalte gibt, und macht ihnen klar, dass sie sich immer an euch wenden können.

Übt mit den Kindern wie sie Inhalte, die sie nicht sehen wollen, ausblenden können: Hand drauf, Gerät aufs Display legen, ausschalten, Erwachsene holen. Das sind wirklich Dinge, die man Kindern beibringen muss. Ein 5jähriger ist komplett überfordert, wenn er/sie einen entsprechenden Inhalt sieht und keinen Automatismus hat, was zu tun ist.

Bei älteren Kindern, also 14 aufwärts gehören zum Thema Porno noch ganz andere Themenkomplexe:

  • Erläutert, dass Standardpornografie ein verzerrtes Bild von Sexualität vermitteln kann – auch wenn der Titel des Videos behauptet, dass es sich um Amateuraufnahmen handelt.
  • Sprecht über die gängige Darstellung von Mann und Frau in Pornos: Frauen als reine Sexualobjekte, die entweder unterwürfig oder verdorben sind. Männer als dominante Leistungsbringer, die lediglich an Penetrationssex interessiert sind, die immer kommen können und das am liebsten ins Gesicht einer Frau.
  • Sogar beim Thema Pornos sind wir übrigens wieder beim Thema „Was nichts kostet, ist vermutlich nichts Gescheites“. In Bezug auf Kinder führt das sicherlich zu weit, aber auch bei Pornografie kann man grundsätzlich sagen: Wenn Pornos kostenlos sind, kann man vom Niveau nicht zu viel erwarten. Die guten Pornos kosten eben Geld. 
  • Was die Jugendlichen angeht, geht im Gespräch darauf ein, dass Sex immer nur im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden sollte – was Pornos so nicht immer wiedergeben.
  • Lasst vielleicht auch durchscheinen, dass Sex grundsätzlich mehr umfasst als heteronormativer Penetrationssex. Lasst die älteren Jugendlichen am besten die Serie „Sex Education“ auf Netflix schauen, denn die zeigt zwar ein bisschen überzeichnet doch sehr vielfältig und bunt welche Facetten Sex haben kann.

Weiterführende Links:

  • Wollt ihr nach der Folge ein konkretes Beispiel zum Thema Aufklärung hören, empfehlen wir die Folge Aufklärung von “Mit Kindern Leben”.
  • Sehr interessant im Themenkomplex Pornografie ist auch die Folge PorNo und PorYes des Lila-Podcasts.

Unser Partner SCHAU HIN! hat auch noch ein paar Tipps für euch:

Wir sind stolze Partner*in des Podcast-Labels HAUS EINS, wo außerdem Shows wie Anekdotisch Evident, der Lila Podcast und die Wochendämmerung erscheinen.

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In Folge 10 werden wir eure Fragen beantworten. Stellt sie uns per Mail kontakt@nur30min.de.

nur30min gibt es auf Deezer, Spotify und iTunes.

Die Musik in Intro und Outro stammt von Joseph McDade.

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